Tweed Deluxe Reverb


"Tweed Deluxe Reverb"? Wer sich ein bischen auskennt weiß natürlich, dass in der Fender* "Tweed"-Ära Verstärker mit integrierten Effekten noch weitgehend unbekannt waren. Insofern gibt es z.B. den 5E3 (Tweed) "Deluxe"* oder später den AB763 "Deluxe Reverb"*. Aber keinen "Tweed Deluxe Reverb". Das soll sich jetzt ändern...

Meine Idee ist, die für den Sound prägenden Elemente des "Tweed Deluxe" zu übernehmen und Hall sowie Tremolo vom späteren "Deluxe Reverb" hinzuzufügen:

Außerdem sollte ursprünglich eine Umschaltung 15W / 30W integriert werden.

Als Vorbilder haben gedient:

Diese Seite ist nicht als "idiotensichere" Bauanleitung zu verstehen, sondern als Protokoll eines Bauprojektes.


Schaltplan


Schaltplan
Schaltplan (beachten *1) <als PDF>


*1) Der Drossel muss eine Diode in Sperrichtung parallel geschaltet werden!


Ein paar Überlegungen zu dem Plan

Klangregelung

Die Art der Klangregelung hat großen Einfluss auf den Grundsound des Amps.

Beim 5E3 Tweed Deluxe gibt es lediglich einen simplen Tone Regler, mit dem man eine Höhenanhebung (...ein Teil der hohen Frequenzen wird am Volumepoti vorbei geleitet) oder eine Höhenabsenkung (...hohe Frequenzen werden an Masse geleitet) einstellen kann. Beim Blackface Deluxe hingegen gibt es separate Regler für Bass und Treble. Dabei sorgt diese Art der Klangregelung grundsätzlich für eine mehr oder weniger starke Absenkung in den Mitten.

Wenn man einen "Tweed Sound" will, darf man also keinen "Blackface" Tonestack einbauen.


Blackface
              Klangregelung
Deluxe Reverb Tonestack (...im Duncan "Tone Stack Calculator)

Auf dem Screenshot sieht man die angesprochene Mittenabsenkung. Das voll aufgedrehte 6.8kOhm "Mid"-Poti im Bild entspricht dem Festwiderstand im Deluxe Reverb. Leider habe ich kein vergleichbares Bild für den einfachen Tone-Regler. Es sollte aber  eine gerade Linie sein, die je nach Einstellung ab einer bestimmten Grenzfrequenz ansteigt oder abfällt.

Endstufe

Ein weiteres prägendes Element des 5E3 Tweed Deluxe ist die Endstufe. Der Arbeitspunkt ist über Kathodenwiderstände eingestellt und es gibt keine Gegenkopplung. Der Phasendreher ist mit einem Triodensystem in Kathodynschaltung aufgebaut. Die Betriebsspannung ist vergleichsweise niedrig. Es werden 6V6 Röhren verwendet. Alles zusammen sorgt für eine etwas weichere, dynamische Ansprache mit früher einsetzenden Verzerrungen.

Leistungsumschalter 15W/30W

Die Umschaltung der Ausgangsleistung zwischen 15W und 30W sollte ursprünglich dadurch erfolgen, dass ein Paar der Endröhren durch den Schalter am Kathodenwiderstand an, bzw. abgeschaltet wird. Zu diesem Zweck ist der normalerweise vorhandene eine Kathodenwiderstand hier in zwei einzelne Widerstände aufgeteilt.Der zweite Schalter des geplanten "DPDT Switches" sollte den entsprechenden Lautsprecheranschluss des Ausgangsübertragers umschalten. Bei vier aktiven 6V6 Röhren sollte der 8Ohm Abgriff benutzt werden, bei nur zwei Röhren entsprechend der 4 Ohm Anschluss.

In der Praxis funktionierte dieses Konzept nicht optimal. Dazu mehr im weiteren Verlauf...

Der Übertrager selbst ist ein Hammond 1760j (...entspr. technisch Fender 125A6A) mit einem Raa von 4kOhm. Das ist eigentlich ein AÜ für zwei 6L6 bis zu 35Watt. Mit diesen Daten passt er aber auch für ein Quartet 6V6.

"Dwell" Regler

Mit dem "Dwell" Poti kann man einstellen, wie stark die Hallspirale angefahren wird. Diese Regelmöglichkeit gibt es meines Wissens sonst nur bei dem externen Fender Hall. Mit der Stärke der Ansteuerung ändern sich Klang und Ansprache des Halls.

Standbyschalter Der Standbyschalter ist hinter dem ersten Elko angeordnet. Der Kondensator wird also auch im Standbybetrieb geladen. Wenn man den Elko hinter dem Schalter angeordnet hätte, würde die Gleichrichterröhre beim Schalten in Stellung "On"  jeweils stark belastet werden. Der zuerst ungeladene "leere" Kondensator käme für einen kurzen Moment einem Kurzschluss gleich. Der Ladevorgang würde am Kondensator außerdem durch Überschwingen eine Spannungsspitze erzeugen. Durch das Verlegen des Standbyschalters hinter den ersten Elko werden also sowohl die Gleichrichterröhre als auch der Elko geschont.


Layout


Layout
Layout (im Marshall 100W Chassis) <als PDF>

Die Bypass-Kondensatoren parallel zu den Kathodenwiderständen in der Vorstufe sind "glatte" Elkos - deshalb  die ungewöhnliche Größe.  Nach der  Inbetriebnahme haben sich ein paar Änderungen gegenüber dem  Schaltplan und  dem  Layout  ergeben:

Hallfedern neigen zu Rückkopplungen. Einerseits kann deren Blechgehäuse in Resonanz mit bestimmten Tönen geraten. Diese Schwingungen übertragen sich auf den Ausgang der Hallspirale (...wohl mechanisch über die Federn oder auch induktiv auf die Generatorspule im Ausgang) und sind dann im Lautsprecher zu hören. Diese Schwingungen kann man bedämpfen, indem man auf das Gehäuse einen Streifen Gummi oder Pappe aufklebt und das Blechgehäuse mit einem Boden z.B. aus Hartfaserplatte etc. versieht. Eine andere Quelle für Feedback ist die Übertragung von Schwingungen des Verstärkergehäuses auf die Feder. Beim Einbau muss man darauf achten, dass die Hallspirale nicht zu fest mit dem Amp verbunden ist. Bewährt haben sich Taschen aus Kunstleder (...auch im Handel erhältlich), in die die Hallspirale eingepackt wird. Diese Tasche wird dann am Boden des Verstärkers befestigt. Effekt: Das Blechgehäuse der Hallspirale wird durch den Kontakt mit der Tasche bedämpft und eine starre Verbindung mit dem Amp wird vermieden.

Die ursprünglich vorgesehene Leistungsumschaltung funktionierte in der geplanten Form nicht. Da sich durch Abschalten zweier 6V6 die Betriebsspannung stark erhöht, müsste der Kathodenwiderstand des verbleibenden Röhrenpaares entsprechend vergrößert werden. Wenn man also eine Leistungsumschaltung haben möchte, macht man es besser so:


Leistungsumschaltung
              - bessere Variante
Verbesserte Leistungsumschaltung (...nach "Matchless" TM )

Bei dieser Art der Umschaltung kann man den Wert für den Kathodenwiderstand jeweils an den Betrieb mit zwei oder vier Endröhren anpassen und damit ggf. der Änderung der Betriebsspannung gerecht werden (...Wiederstandswerte in der Zeichnung sind nur Beispiele!). In Stellung "Hi Power" sind die vier Kathoden der Endröhren auf den 150 Ohm Widerstand geschaltet. In Stellung "Lo Power" werden die Kathoden der äußeren zwei Röhren abgeschaltet. Dadurch erhöht sich die Betriebsspannung (...oder: Sie bricht jetzt weniger zusammen, weil die Strombelastung geringer ist). In dieser Schalterstellung ist die Reihenschaltung aus 150 Ohm plus 180 Ohm aktiv - der Kathodenwiderstand läßt sich also jeweils optimal auf die gegebene Anodenspannung anpassen. Dass Layout könnte man ggf leicht für so eine Umschaltung modifizieren..

Die Verstärkerleistung verringert sich allerdings nur um ca. 10 Watt, wenn man zwei der 6V6 abschaltet (...von 25W auf 15W). Das ergibt eine zwar merkliche aber keinesfalls drastische Lautstärkeänderung. In sofern kann man sich fragen, ob sich dafür der Aufwand lohnt. Ich habe die Umschaltung letztlich weggelassen - auch, weil ich für eine geänderte Verdrahtung Brücken auf der Unterseite des Turretboards hätte entfernen müssen. Das hätte den Ausbau des Boards erfordert...

Inzwischen sieht es -Spannungen gemessen im Leerlauf- so aus:


Bezeichnung
Bemerkung
Wert
U~
Standby "On"
323V-0V-323V
Ub ("A")
Standby "Off"
460V
Ub ("A")
Standby "On"
350V
Ua 6V6

347V
Usg

348V
Punkt "B"

349V
Punkt "C"

319V
Punkt "D"

295V
Ua1
12AY7 - Input
150V
Ua2
12AY7 - hinter Tone
153V
Ua3+4
12AT7 - Halltreiber
347V
Ua5
12AX7 - Hallverstärker
193V
Ua6
12AX7 - Summierung Hall- und Direktsig.
194V
Ua7
12AX7 - Tremolo
220V
Ua8
12AX7 - Phasendreher
250V
Uk6
12AX7 - Phasendreher
70V
Urk
6V6 - Kathodenwiderstand 1+2
24V
P
Ausgangsleistung ca.
25W / 8 Ohm

In der Tabelle sieht man, dass in Ruhe die Schirmgitterspannung leicht (1V) über der Anodenspannung liegt. Bei Aussteuerung sinkt die Spannung allerdings unter den Wert der Anodenspannung ab.


Weitere Bilder

Hier sieht man den ausgedruckten 1:1 Plan im Chassis


Plan im Chassis
1:1 Plan im Chassis

Die mechanischen Arbeiten am Chassis sind erledigt. Trafos, Potis, Röhrenfassungen und Kleinteile sind eingebaut.

Blick ins
            Innere
Blick ins Innere


Die Elkos befinden sich zwischen den Trafos in einer Filterbox. Auf der Rückseite des Boards, parallel zu den rechten beiden Elkos, ist noch ein 47nF Kondensator zur Unterdrückung hochfrequenter Störungen eingelötet (...s.o.). Hier der Plan dazu:


Plan der Filterbox
Filterbox - Plan

Hier die fertige Box, aufgebaut im Hammond 1590 Gehäuse.  Die beiden Kondensatoren rechts (...je 16uF; zusammen also 32uF) sind parallel geschaltet und hängen -hinter der Sicherung- direkt am Ausgang der Gleichrichterröhre. Häufig sieht man, dass dieser Ladeelko hinter dem Standy-Schalter angeordnet wird. Die Platzierung vor dem Schalter schont Gleichrichterröhre und Elko gleichermaßen. Laut Röhrentabelle verträgt die 5U4 maximal 40uF als Ladekondensator. Nach links dann die Siebelkos der Vorstufe. Auf der Rückseite -hier nicht zu sehen- ist zur Glättung von hochfrequenten Störungen noch ein 47nF Folienkondensator eingelötet.


Die fertige
                  Filterbox
Filterbox

Ein Blick auf die Reihe der Potentiometer. An den Lötstützpunkten wird später eine Messingstange als Masseschiene befestigt.


Potis
Potis

Der Netztrafo ist das schwerste Bauteil. Da das Chassis aus Aluminium ist, habe ich die Befestigung des Trafos noch mit einer zusätzlichen Schiene vertärkt.

Trafobefestigung
Trafobefestigung


Hier noch zwei weitere Bilder vom Rohbau. Der Deckel von der Box mit den Elkos ist noch nicht angeschraubt. Vor den Elkos sieht man die Siebdrossel - kein Fender Standardtyp und etwas größer. Dafür bekommt man etwas mehr Henry (...und damit bessere Siebung) für nahezu das selbe Geld. Dann -halb verdeckt durch den Gleichrichter- der Ausgangsübertrager. Zuletzt unten /rechts ein Eckchen vom Netztrafo. Ganz am oberen Bildrand sieht man den Halltrafo. Zur Vermeidung unerwünschter Kopplungen sind Drossel, AÜ und Netztrafo jeweils in zwei Achsen gegeneinander gedreht eingebaut.


Erste Ansicht 1
Erster Blick von oben...

Erste Ansicht 2
...und von der Rückseite

Inzwischen ist der Bau weiter fortgeschritten. Das Verstärkerteil ist fertig aufgebaut und in Betrieb genommen. Hier ein paar Einblicke in das fertige Innere:


Komplette Ansicht
Komplette Ansicht des fertigen Amps...

Komplette Ansicht - andere
                              Perspektive
...und noch einmal aus etwas anderer Perspektive

Seitlich sieht man ein Loch dort, wo vorher der Leistungsumschalter geplant war. Jetzt muss ich wohl nochmal in eine angepasste Frontplatte investieren...


Seite mit den Inputs
Input-Seite

Gegenüber der Eingangsbuchse sieht man schemenhaft, dass auf der Masseseite des Elkos (links) eine Brücke vorgesehen war. Dieser Kondensator würde der zweiten Verstärkerstufe ca. 6dB mehr "Schub" bringen, wenn man ihn aktiviert. Bei der Ursprünglichen Dreibandklangregelung und der damit verbundenen Dämpfung des Signals macht das Sinn. Der Tone-Regler hingegen verringert den Pegel kaum. Deshalb habe ich die Brücke offen gelassen...


Seite mit dem Netzteil
Netzteilseite

Detail Röhrenfassung
Detail: Röhrenfassung

Detail: Mischwiderstände
Detail: Mischwiderstände...

Im oberen Bereich des Bildes sieht man die Stelle, an der das Direktsignal (3.3M; blauer Widerstand) mit dem Hallsignal (470K) gemischt wird.


Detail: Siebkette
Detail: Siebkette Netzteil und Masseleiste f. Potis

Hier sieht man die Widerstände aus der Siebkette des Netzteils. Ich hatte im Layout Platz für 2x zwei Widerstände parallel vorgesehen. Nach Inbetriebnahme und Messung sind es dann jeweils 10K Widerstände geworden. Die Leitungen, die aus der Bohrung im Board kommen, führen zu den Elkos in der Filterbox und zu der Siebdrossel.


Detail: Netztrafo
Detail: Netztrafo


Frontplatte

Hier Ansichten der von mir entworfenen  Frontplatte und Rückseite. Der Umschalter für die Ausgangsleistung muss ggf. entfernt werden.


Frontplatte

Die Layouts wurden mit dem frei erhältlichen "Frontplatten-Designer" von Fa. Schaeffer, Berlin, entworfen. Wer möchte, kann sich die entsprechenden "fpd" Dateien hier herunter laden.


Gehäuse

Lange hat's gedauert - jetzt geht es an den Bau eines Verstärkergehäuses.


...das rohe
                Gehäuse - Front
Gehäuse von vorne...

Hier sind die Einzelteile des Gehäuses für einen ersten Eindruck einmal locker zusammengestellt.

Bei den Abmessungen der Schallwand ist berücksichtigt, dass der Bezugsstoff, das Kederband und der Bespannstoff der Schallwand Platz benötigen. Wieviele Millimeter es sein müssen, kann man durch Messung der jeweiligen Materialstärke mit einer Schieblehre ermitteln. Zu dem errechneten Wert gibt man dann besser noch etwas Toleranz hinzu.

Am Rand der Schallwand habe ich diesmal -angeregt durch eine e-Mail eines Lesers- eine 5mm starke Leiste eingefügt, die dafür sorgt, dass der Bespannstoff entsprechenden Abstand zur Schallwand hat. Bei größerem Schalldruck könnte die Bespannung sonst evtl. Geräusche verursachen.


...das rohe
                    Gehäuse - Rückseite
...und von der Rückseite

Der Lautsprecher ist nicht genau mittig eingebaut. Das Verstärkerchassis ist auf der Seite schwerer, auf der der Netztrafo eingebaut ist. Der seitlich versetzte Lautsprecher bewirkt, dass das Gewicht der Verstärkers beim Tragen besser verteilt ist. Außerdem sorgt der asymmetrische Einbau der Lautsprechers für einen ausgeglicheneren Frequenzgang des Gehäuses.


Beamblocker
"Beamblocker" für den 15" Lautsprecher

Der "Beamblocker" war ursprünglich ein Türstopper aus der Grabbelkiste im Baumarkt. Bei großen Lautsprechern werden die höheren Frequenzen gerichtet abgestrahlt. Direkt auf der Lautsprecherachse klingt es unangenehm spitz. Der "Beamblocker" bricht diese hochfrequente "Keule" diffus auf.

Gleichzeitig sorgt die Konstruktion mit der Aluleiste dafür, dass die Frontbespannung über dem Lautsprecher nicht so leicht eingedrückt werden kann.


Lüftungsgitter
Lüftungsgitter

Die Lüftungsgitter stammen aus dem Bootsbau - sind aber eher ein optisches Accsessoire.


Das fertige
                    Gehäuse
Fertig

Den Bau eines vergleichbaren Gehäuses habe ich schon an anderer Stelle beschrieben. Deshalb fasse ich mich hier kurz ;-)

Und hier schon mal ein -cleanes- Sample. Die Gitarre ist eine Gibson ES-135 / P90 und es ist ein wenig Delay dabei (...Dank an Benno bei www.benzab.de). Die Bandbreite/Qualität ist etwas reduziert, um Platz zu sparen...

* "Fender", "Deluxe" und "Deluxe Reverb" sind Warennamen der Firma "Fender Musical Instruments". Andere genannte Warenzeichen gehören dem jeweiligen Eigentümer...